Content Marketing: Perlen vor die Säue und Lohndumping

  • Alle reden von Content-Marketing. Wirklich alle. Selbst Ihr Nachbar und Ihre Großmutter. Man kann dem Thema nicht mehr entkommen. Jeder Marketer, der in der Lage ist, mehr als zwei sinnvolle Sätze aneinander zu reihen ist neuerdings "Content Creator" und jeder CMO, der bei Content.de oder Textbroker.de für viel zu wenig Geld ein paar Zeilen einkauft, hat jetzt eine "content strategy". So weit, so lächerlich. Nichts, was man nicht aus anderen Teilbereichen bereits seit langem kennen würde (looking at you, social media!).

     perlen vor die säue

    Wenn man allerdings etwas näher dran ist, sprich die unterschiedlichen Preise für Content-Creation kennt, muss man sich schon fragen, wo das hinführen soll. Zur Erklärung: Auf der einen Seite stehen Leute wie Martin Mißfeldt oder Marco Janck, die für ein "gutes" Stück Content gerne einmal über 600€ berechnen bzw. bereit wären, auszugeben – notfalls auch mehr – auf der anderen Seite Anbieter wie die oben genanntent Textbroker.de oder Content.de, wo sich absurde "Angebote" finden, bei denen selbiges Stück Content dem Creator evtl. 100€ einbringt, wenn überhaupt.

    Nimmt man nun noch neuartige Bots hinzu, die, sofern gut eingerichtet, Texte quasi für lau produzieren, wird es immer schwerer, hier den Überblick zu behalten. Eines steht jedoch fest: Es passiert sehr schnell, dass ein guter Beitrag (der auch dementsprechend teuer war) von nur sehr wenigen Usern wahrgenommen wird, während ein billiger SEO-Text für 12€ zur passenden Uhrzeit auf Facebook landet und so tausende Klicks anzieht, sprich: man wirft entweder Perlen vor die Säue oder betreibt (wenn auch nicht absichtlich) Lohndumping im Bereich der Content-Creation.

     

    Beides kann nicht im Sinne der Beteiligten sein – sollte Content-Marketing nicht den gewünschten ROI bringen, ziehen CMOs das Kapital ganz schnell wieder ab und stecken es in Display und RTA, sollten die Preise auf Druck der Großkunden weiter steigen, gibt es für Nicht-Premiumanbieter bald nichts mehr zu tun. Auf der anderen Seite könnten zu stark fallende Preise dafür sorgen, dass sich Schreiber und Designer aus dem Bereich zurückziehen, und dadurch die Qualität erneut sinkt.

     

    My two cents: Wie in der Werbebranche üblich, versucht jeder, sich selbst bzw. die eigene Sicht der Dinge zu verkaufen. Da will der Experte gerne mehrere Hundert Euro Tageslohn, während Betreiber von Content-Portalen ihren Kunden möglichst billige Texte anbieten wollen, der Agenturchef berechnet für ein paar Bilder gerne dreistellig und die Schreiberlinge wollen wenigstens genug haben, um die Miete zu zahlen. Dem gegenüber stehen CMOs, die entweder zu wenig Ahnung und zu viel Geld haben, oder schon Magengeschwüre beim bloßen Gedanken daran bekommen, jemanden "gerecht" zu entlohnen. Einfach mal selbst vergleichen, was zum Beispiel Contentking.de für eine Infografik plus Seeding nimmt und wie wenig z.B. Content.de (bzw. die Kunden dort) für einen 1.500 Wörter langen Wissenschaftstext bereit ist, zu zahlen. q.e.d.

     

    Man sieht nur durch die eigene Brille - selbst wenn man sich die Mühe macht, das Thema als solches einmal etwas ausführlicher zu behandeln, vermeidet man es konsequent, wirklich ALLE Seiten zu betrachten. Und so steht Content-Marketing 2015 am Scheideweg: auf der einen Seite die Entwicklung hin zu immer stärkerer Professionalisierung, die wenigstens einigen, hungernden Germanistikstudenten zu einem Auskommen verhelfen könnte, auf der anderen Seite der immer stärkere Preisdruck (durch Content-Portale und Bots), welcher die Branche in der heutigen Form komplett vor die Wand fahren könnte. Jedenfalls täten alle Beteiligten gut daran, wenigstens ein paar Millimeter von ihrer Position abzuweichen – sonst wird man die Konsequenzen tragen müssen.

     

    Ich denke, dass sich hier, ähnlich wie bei den Netzwerken in 2014, eine starke Konsolidierung abzeichnet – Billiganbieter werden vermutlich über kurz oder lang durch automatisierte Verfahren ersetzt, während im Premium-Bereich die Preise anziehen und durch bessere Analytics ein ROI nicht nur erzeugt, sondern vor allem auch bewiesen werden kann. Dass die oben erwähnten Konsequenzen bisher haben auf sich warten lassen, ist m.M.n nur dem Umstand zu verdanken, dass die letzten beiden Jahre einfach von ahnungslosen CMOs extrem viel Kapital ins Segment gepumpt wurde, welches ganze Agenturen quasi künstlich am Leben erhalten hat. Es wird Zeit, die Maschinen abzustellen.

     

    Wenn man jetzt nach 3-4 Jahren feststellt, dass die ganzen Budgeterhöhungen (siehe quasi jeden großen Advertiser weltweit) besser in andere Bereiche geflossen, oder einfache Umschichtungen ähnlich erfolgreich gewesen wären, wird es für einige ein böses Erwachen geben. Genau wie bei Social Media 2013/2014 wird man dann merken, dass man sich besser VORHER Gedanken gemacht hätte, was man eigentlich erreichen will, wie man dort hinkommt und vor allem, welche Folgen das Ganze hat. Aber dann würde man ja viel mehr Zeit mit Denken anstatt mit Reden verbringen – und das ist bei den meisten Marketern nun deutlich zu viel verlangt, nix für ungut.

Kommentare

3 Kommentare
  • Martin Bahls
    Martin Bahls Advertiser zahlen zuviel, Creator verdienen zu wenig und Agenturen wissen sowieso imemr alles besser: Content Marketing 2015
    9. März 2015
  • Martin Bahls
    Martin Bahls das war wohl jetzt gedankenübertragung, gerade erst gelesen :D http://onlinemarketing.de/news/recap-3-learnings-content-marketing-conference-2015
    9. März 2015
  • Martin Bahls
    Martin Bahls bestätigt, was ich die ganze zeit denke: lohnt sich für leute mit VIEL geld, alles andere ist unsinn. mehr branding als alles andere, junge "millenials" wissen guten content nicht zu schätzen, sieh DNER.
    9. März 2015